I. Die Rhetorik der Entmenschlichung: Wenn Ausgrenzung zur Tugend erklärt wird
Wir erleben derzeit eine besorgniserregende Verschiebung der Debattenkultur, in der die Grenzen des Anstands von prominenten Stimmen gezielt eingerissen werden. Wenn der Comedian Kurt Krömer öffentlich erklärt, er habe keine Lust auf der Bühne „in irgendwelche Schweinegesichter zu gucken“, und Anhängern einer gewählten Partei zuruft: „Euer Geld stinkt, genauso wie ihr“, dann handelt es sich nicht mehr um Satire oder pointierte Kritik. Es ist eine Entmenschlichung von Mitbürgern.
Gleichzeitig gießen Spitzenpolitiker wie SPD-Chef Lars Klingbeil dauerhaft Öl ins Feuer, indem sie künstliche Bedrohungsszenarien beschwören und pauschale Feindbilder pflegen, statt das direkte Gespräch zu suchen. Wer Andersdenkenden pauschal die Würde oder den Anstand abspricht, bekämpft nicht den Extremismus – er erzeugt genau jenen Hass und jene Ausgrenzung, die er vorgeblich bekämpfen möchte.
II. Symbolpolitik und historische Heuchelei: Der Fall BMW
Wie tief die Moralität unserer Institutionen und Großkonzerne von Doppelmoral durchdrungen ist, zeigt der aktuelle Fall des Autokonzerns BMW: Dem demokratisch gewählten Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt wurde das Leasing für ein traditionelles Dienstfahrzeug verwehrt – ein reiner Akt korporativer Haltungsshow.
Besonders paradox wird diese öffentliche Moralpropaganda, wenn man den historischen Hintergrund betrachtet: Wer die Verflechtungen der Industriellenfamilie Quandt (Hauptanteilseigner von BMW) in der NS-Zeit kennt – von der Arisierung jüdischen Eigentums über den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern bis hin zur Einheirat von Magda Goebbels –, sollte sich der eigenen Verantwortung und demütigen Zurückhaltung bewusst sein. Ein Konzern, dessen Fundament mit der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte verwoben ist, spielt sich heute als Schiedsrichter über demokratische Gepflogenheiten auf. Haltung wird hier zur reinen PR-Fassade degradiert.
III. Staatliche Verstrickungen & historisches Versagen: Von Lichtenhagen bis zum V-Mann-System
Während Medien und Politik Bürgern heute rasch Haltungstests auferlegen, wird über das verhängnisvolle Versagen und die Instrumentalisierung durch den Staat selbst nur allzu gerne geschwiegen.
Ein Blick in die Geschichte offenbart die Kontinuität dieses Verhaltens: Die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 stehen bis heute als Mahnmal für ein beispielloses Versagen der Sicherheitsbehörden. Während ein wütender Mob das Sonnenblumenhaus in Brand steckte, zogen sich die Einsatzkräfte stundenlang zurück. Über 100 vietnamesische Vertragsarbeiter und ein ZDF-Kamerateam schwebten in akuter Lebensgefahr und mussten sich in Todesangst auf das Dach retten, während die Kamera das staatliche Vakuum ungeschönt festhielt. Die Not der Menschen und die Versäumnisse der Asylpolitik wurden damals politisch instrumentalisiert, statt entschlossen zu handeln und Menschenleben zu schützen. (Sowohl Historiker als auch spätere Aufarbeitungen belegen, dass die damalige Politik die katastrophalen Zustände vor der Zentrale für Aufnahmesuchende (ZAST) über Wochen schwelgen ließ, um den öffentlichen Druck für die spätere Änderung des Asylgrundrechts (der sogenannte „Asylkompromiss“ von 1993) aufzubauen. Menschenleben wurden hier von Politik und Behörden grob fahrlässig aufs Spiel gesetzt oder instrumentalisiert).
Diese Linie zieht sich bis in die neuere Geschichte: Die TV-Dokumentation „V-Mann Land – Die Geschichte der Neonazis in Deutschland“ (von Clemens Riha) und akribische Recherchen (unter anderem verarbeitet im Enthüllungsroman „Die schützende Hand“ von Wolfgang Schorlau) legen offen, wo die echten Abgründe liegen:
- Millionen an Steuergeldern: Über Jahrzehnte hinweg wurden neonazistische Strukturen in Deutschland – wie der Thüringer Heimatschutz, aus dem später der NSU hervorging – mit Steuermitteln über V-Mann-Honorare in Millionenhöhe mitaufgebaut und am Leben erhalten.
- Aktenvernichtung und Vertuschung: Nach dem Auffliegen des NSU wurden relevante V-Mann-Akten in Behörden im großen Stil geschreddert, um die staatlichen Verstrickungen und das Versagen der Geheimdienste vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
- Das NPD-Debakel von 2003: Das erste Parteiverbotsverfahren gegen die NPD scheiterte vor dem Bundesverfassungsgericht spektakulär an der sogenannten „fehlenden Staatsferne“. Der Verfassungsschutz hatte die Parteispitze mit bezahlten V-Leuten durchsetzt, die teils selbst an hetzerischen Aktionen und Gewaltstrukturen beteiligt waren. Der Staat hatte sich seine eigenen Feindbilder und Verbotsgründe mit alimentiert.
Warum gibt es zu diesem tiefgreifenden staatlichen Versagen keine ehrliche, ergebnisoffene Debatte im Hauptprogramm? Warum werden historische und strukturelle Versäumnisse ausgeblendet, während gleichzeitig die Spaltung in der Bevölkerung weiter angeheizt wird?
IV. Der Ausweg: Einssein statt Spaltung
Der Musiker Philipp Burger bringt es in einem aktuellen Impuls auf den Punkt: Wer eine Gesellschaft spaltet und das Gespräch verweigert, zerstört das Fundament unseres Zusammenlebens.
Wahre Veränderung und Ausweg aus der Spirale der Polarisierung gelingen nicht durch Ausgrenzung, Beleidigungen oder staatliche Gängelung. Wer das Kollektiv oder die Linie der Macht über das Individuum stellt, wiederholt die schwersten Fehler der Vergangenheit.
Wir müssen aufhören zu hassen und wieder anfangen zuzuhören. Wahre Freiheit und innerer Frieden entstehen erst dort, wo wir die Würde jedes einzelnen Menschen achten und erkennen, dass wir im Kern Eins sind.